Das wundersame Leben der Margot Heumann

Ein einzigartiges historisches Zeugnis: Mit Margot Heumann spricht erstmals eine lesbische Frau, die als Jüdin die KZs überlebte, über ihre Geschichte.

Anna Hájková

Margot Heumann - auf diesen Fotos ist sie 14 Jahre alt.Foto: privat

Anfang der 1950er besuchte eine junge, dunkelhaarige, schmale Frau als Begleitung des Stammgastes Lu Burke manchmal die lesbischen Bars im New Yorker Greenwich Village. Burke arbeitete für die Zeitschrift New Yorker, die brünette Partnerin in einer Werbeagentur. Die junge Frau hieß Margot Heumann. Sie stammte aus dem kriegszerstörten Europa und war an einer Tätowierung auf ihrem Unterarm als Holocaustüberlebende erkennbar.

Margots Geschichte ist das erste Zeugnis einer queeren Frau, die als Jüdin die KZs überlebte. Viele Forscher*innen wiesen darauf hin, wie schwierig die lesbische Geschichte zu erforschen ist – unsichtbar und zugleich als unwichtig angesehen. In den Konzentrationslagern begegnete lesbischen Frauen die Homophobie der anderen Häftlinge. Deren Vorurteile bestanden in der Nachkriegsgesellschaft fort, sodass die wenigen queeren Holocaustüberlebenden ihre Geschichten kaum jemals festhielten. Die wenigen Ausnahmen sind bisher allesamt Männer.

Heute ist Margot Heumann 92 Jahre alt

Margots Stimme ist einzigartig, für die Holocaustforschung, für Frauengeschichte und für queere Studien zugleich. Durch meine Forschung zu queerer Holocaustgeschichte lernte ich Margot kennen. Sie ist heute 92 Jahre alt, sie lebt noch immer in den USA. Ich reiste zu ihr, eine Woche lang erzählte sie mir ihre Geschichte.

Margot wurde 1928 geboren, als erste Tochter des Einzelhändlers Karl Heumann und seiner Frau Johanna in Hellenthal an der belgischen Grenze. Drei Jahre darauf kam eine jüngere Schwester. Die Mädchen erlebten eine glückliche Kindheit in der Eifel und später in Lippe. Der Familie ging es wirtschaftlich gut, und es gab viele Verwandte zum Spielen. 1937 zogen die Heumanns nach Bielefeld, wo der Vater für den Hilfsverein der deutschen Juden arbeitete. Als Margot in der Schule als Jüdin ausgegrenzt wurde, schickten ihre Eltern sie auf eine jüdische Schule.

Früh fühlte sie sich zu Mädchen hingezogen

Früh entdeckte Margot, dass sie sich zu Mädchen hingezogen fühlte. Schmunzelnd erzählt sie von ihrer besten Freundin: Als diese in die Pubertät kam und einen engen Pullover mit einer Einstecktasche in Busenhöhe trug, steckte Margot gerne ihre Hand in die Tasche und erklärte, wie sehr ihr gerade diese Tasche gefalle. Auf meine Nachfrage antwortete Margot: „Sie war nicht lesbisch. Sie hat geheiratet und soweit ich weiß, hatte sie keine weiteren Beziehungen mit Frauen.“ Geredet haben die beiden darüber nie.

Margot Heumann heute zusammen mit der Anna Hájková, der Autorin dieses Textes. Hájková ist Associate Professor of Modern...Foto: privat:

Ab September 1941 mussten Margot und ihre Familie den gelben Stern tragen, kurz darauf begannen die Deportationen. Da ihr Vater für eine jüdische Einrichtung arbeitete, wurden die Heumanns nicht wie die meisten Bielefelder Juden 1942 in die Vernichtungslager deportiert, sondern im Juni 1943 ins Ghetto Theresienstadt.

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In Theresienstadt wurden Kinder in Jugendheimen untergebracht. Dort erhielten sie gehaltvolleres Essen und eine minder überfüllte Unterkunft. Zuständig hierfür war die sogenannte Jugendfürsorge, geleitet von Gonda Redlich und Fredy Hirsch, dessen Homosexualität bekannt war. Da die Kinder nach Geschlecht, Alter und Sprache getrennt untergebracht wurden, kamen Margot und ihre Schwester in zwei unterschiedliche Heime.

Tagsüber galten sie als beste Freundinnen

In ihrem Heim lernte Margot Dita kennen, ein hübsches Wiener Mädchen. Dita war ohne ihre Eltern nach Theresienstadt deportiert worden, begleitet nur von ihrer Tante und ihrer Großmutter. Margot verliebte sich in Dita, und die beiden wurden unzertrennlich. Nachts legten sie sich ins Bett und tauschten Zärtlichkeiten aus. „Wir hatten nicht eigentlichen Sex. Sehr nah daran, aber keinen Sex.“

Tagsüber galten Margot und Dita einfach als beste Freundinnen, und Dita hatte auch einen Freund. „Ich war eifersüchtig“, erzählte Margot, „aber es gab nichts, was ich daran hätte ändern können, und ich tat es auch nicht. Damals war ich schon klug genug, keinen Aufruhr zu machen.“

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Bereits mit 15 Jahren wusste Margot, dass ihre Liebe keinen Platz in der Öffentlichkeit hat. Dabei teilten auch andere Mädchen nachts das Bett, erzählt Margot. Einige von ihnen überlebten und berichteten in ihren Memoiren von ihren „besten Freundinnen“, unterschlugen jedoch Liebe und Intimität. Margots Einblick erinnert uns, dass wir den queeren Blick auf Teenagerfreundschaften im Holocaust nicht außer Acht lassen sollten.

Damals lernte Margot auch ihre andere große Leidenschaft kennen, die Oper. Das Kulturleben in Theresienstadt war eine wichtige seelische Stütze für die Häftlinge und ist zu Recht heute bekannt. Jahrzehnte später wurde Margot begeisterte Besucherin der New Yorker Metropolitan Opera. Ihre erste Aufführung war die Theresienstädter La Bohème. Margot leuchtet auf, wenn sie erzählt, wie sie damals die Arie „Wie eiskalt ist dies Händchen/Laßt, ich mache es Euch warm“ zum ersten Mal hörte.

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Im Mai 1944 wurden die Heumanns nach Auschwitz deportiert, in das sogenannte Theresienstädter Familienlager. Den ganzen Weg nach Auschwitz weinte Margot – weil sie von Dita getrennt war. Einige Tage später trafen auch Dita und ihre Tante ein. Im Familienlager erlebte Margot zum ersten Mal, wie schrecklich Hunger sein kann.

Anfang Juli wurde das Familienlager aufgelöst. Die meisten Menschen dort wussten mittlerweile um die Gaskammern und damit auch um die Bedeutung der anstehenden Selektion, in der die als arbeitsfähig erachteten Menschen zur Zwangsarbeit ausgewählt wurden. Dita und ihre Tante „bestanden“ die Selektion. Margots Eltern versuchten es nicht erst, da sie Margots dreizehnjähriger Schwester keine Chance gaben. Margot beschloss, Dita zu folgen. Ihre Mutter war sehr aufgebracht: Sie meinte, die Familie solle zusammenbleiben. Als Margot von ihrem Vater Abschied nahm, segnete er sie. Sie sah ihn das erste Mal weinen.

Damals waren all ihre Gedanken bei Dita. Heute weint Margot, wenn sie davon erzählt. Im Frauenlager in Birkenau wurden Margot und Dita für einen Transport nach Hamburg eingeteilt, in die Außenlager des KZ Neuengamme.

Ausgehungert und geschwächt

Die jüdischen Frauen aus Auschwitz waren dort die ersten weiblichen Häftlinge. Sie waren ausgehungert und geschwächt, mussten Trümmer beseitigen und Notunterkünfte für ausgebombte Zivilisten bauen, fast immer draußen im Freien und mit langen Arbeitstagen. Margots Gruppe durchlief drei Lager: Dessauer Ufer im sogenannten Freihafen, Neugraben im Süden und Tiefstack im Osten Hamburgs.

Hier zeigte sich, wie das Alter die Lagererfahrung prägte. Während die älteren Frauen unter dem rohen Lagerumgang ebenso wie unter Hunger und Kälte litten, erlebten die 16-jährigen Mädchen das Lager auch als Abenteuer: Sie sammelten Pilze im nahen Wald und rollten sich durch frischgefallenen Schnee einen Hügel hinab.

Sie hatten zwar Hunger, fanden aber immer Wege, etwas Essbares zu ergattern, das sie miteinander teilten. Dita war Margots Ein und Alles. Die beiden sicherten sich ein Bett am Ende der Baracke, wo sie nachts zusammen sein konnten. Aber die queere Beziehung störte, und einmal hörte Margot eine laute Bemerkung „Das ist nicht normal.“ Ditas Tante verteidigte sie: die beiden seien noch Kinder.

Anfang April 1945 löste die SS die Außenlager auf und schickte die jüdischen Frauen nach Bergen-Belsen. Die Bedingungen in Hamburg waren schon erbärmlich, aber in Belsen war der Schrecken nochmals größer. „Die Toten waren an beiden Seiten der Straße baumhoch aufgestapelt. Es war einfach unglaublich.“

Als das Lager befreit wurde, wog Margot nur noch 35 Kilo

Als die britische Armee am 15. April das Lager befreite, war Margot an Typhus erkrankt und wog nur noch 35kg – und das bei einer Größe von 1,67 Meter. Sie lag zwei Monate im Krankenhaus und wurde im Juli nach Schweden gebracht, um sich zu erholen. Dita blieb zurück und ging später nach England.

Margot verbrachte zwei Jahre in Schweden. Sie erholte sich, lernte Schwedisch und konnte das erste Mal so etwas wie ein „normales“ Teenagerleben führen. Sie ging zur Schule – und hatte auch zum ersten Mal Sex mit einer schönen blonden groß gewachsenen Schwedin, wie sie mir erzählte. 1947 zog sie in die USA zu ihren Verwandten. Eigentlich wollte sie nur ein Jahr bleiben, aber das lesbische Leben in New York zog sie in ihren Bann. Über eine Freundin wurde Margot bei einer Werbeagentur angestellt, die über die Jahre zu einer der größten weltweit wurde. Und sie lernte Lu Burke kennen, eine Intellektuelle, WASP (White Anglo-Saxon Protestant) – und eine legendäre Lektorin für den „New Yorker“.

Margot Heumann im Januar 1956 (rechts).Foto: privat

Nach drei Jahren beschloss Margot, dass sie Kinder haben wollte. Den einzigen Weg dorthin sah sie in einer Ehe mit einem Mann. Sie trennte sich im Guten von Burke und heiratete 1953 einen Kollegen aus einer anderen Agentur. Die nächsten zwanzig Jahre in Margots Leben mögen oberflächlich wie der All American Dream erscheinen. Sie bekam zwei Kinder, lebte in einem Haus in Brooklyn und konnte dank einer Schwarzen Haushälterin später ihre Karriere weiterverfolgen. Parallel hatte Margot eine Affäre mit einer Nachbarin; die Ehemänner hielten die Frauen für beste Freundinnen.

Mit 88 Jahren outet sie sich

Auf die Frage, ob ihr Mann etwas merkte, betont Margot: „Ich bin eine sehr gute Schauspielerin.“ Erst als ihr Mann, der glücksspielsüchtig war, sie in den 1970ern zu misshandeln begann, verließ Margot ihn. Einen bewussten Neuanfang jedoch wagte sie erst mit 88 Jahren, als sie auf einen Alterssitz in den warmen Südwesten der USA zog: Sie outete sich gegenüber ihrer Familie. Niemand war überrascht: Alle hatten es schon immer gewusst.

Warum gelingt es erst 2020, dass wir mit Margot die erste lesbische Stimme einer Holocaustüberlebenden hören? Margot wurde mehrfach für Holocaustarchive interviewt. Die Geschichte, die sie mir erzählt hat, war eigentlich in all ihren Zeugnissen in den bekannten Holocaustarchiven enthalten – aber versteckt. Dita erschien als die „beste Freundin“. Niemand hinterfragte, warum sie für Margot so wichtig war.

Eine Biografie als selbstbestimmte lesbische Frau

Erst durch meine jahrelange Forschung erfuhren Margots Verwandte von meiner Arbeit über einen Kollegen in Jerusalem und machten mich mit ihr bekannt. Margot wusste, dass ich selbst lesbisch bin, und sprach mich auch immer wieder darauf an. So konnte sie sich sicher fühlen und ihre Biografie als selbstbestimmte lesbische Frau erzählen.

Es ist tragisch, dass homophobe Vorurteile verhindert haben, dass etliche queere jüdische Frauen, die KZs überlebten, Zeugnisse ihres Leben hinterließen. Auch deswegen sollten wir Margots Geschichte aufmerksam zuhören.

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Anna Hájková Birgit Bosold

- Die Autorin ist Associate Professor of Modern Continental European History an der University of Warwick (Großbritannien).