Juden im Ruhrgebiet

Als Ruhrgebiet bezeichnet man den dicht bevölkerten Streifen nördlich des Flusses Ruhr. Es beginnt in der Gegend von Duisburg und zieht sich bis Unna hin. Es hat fließende Grenzen zum Rheinland, zum bergischen Land, zum südlichen Münsterland und zum Sauerland. Es ist die bevölkerungsreichste Gegend Deutschlands. Die Städte von Duisburg bis Dortmund bilden einen durchgehend eng besiedelten Streifen.

Die Entwicklung und Besiedlung folgte dem Handel früh entlang des Hellweges. Zur heutigen dichten Besiedlung  kam es in der Folge der Industrialisierung im 19. und 20. Jahrhundert.

Die jüdische Besiedlung erfolgte zunächst vom Rheinland mit dem Zentrum Köln aus. Bis in das frühe 18. Jahrhundert gab es nur einzelne Gemeinden mit wenigen Juden. Die Zahle schwankten stark. Im 19. Jahrhundert kam es, entsprechend der wirtschaftlichen Entwicklung und der Ansiedlung von Industrie zu einem deutlichen Anwachsen der jüdischen Gemeinden.

Die Entwicklung der jüdischen Bevölkerung weist ab 1914 eine Besonderheit auf.

Weil die deutschen Männer an der Front kämpften, fehlten in der Industrie Arbeiter. Man warb sie in Polen an. Im Zuge dieser Aktion kamen 150 000 jüdische Arbeiter in das Ruhrgebiet. 4000 von diesen „Fremdarbeitern“ arbeiteten in Bergwerken. Bekannt ist die „Paole Zion“, eine linksgerichtete jüdische Arbeiterbewegung, die gegen die sozialen Missstände bei der Beschäftigung der ausländischen Arbeiter vorging.

Viele dieser jüdischen Arbeiter emigrierten nach dem Krieg, aber etwa 90000 blieben im Ruhrgebiet und schlossen sich den existierenden Gemeinden an.

Zahlreiche jiddische Begriffe sind auch heute noch im allgemeinen Sprachgebrauch zu finden. Ische und Schickse für ein Mädchen, Bohei für Krawall, schmusen, schofel, Stuss, Zores, „Saures geben“, Tinnef, Zoff und viele andere Begriffe mehr werden in der Umgangssprache auch heute noch häufig gebraucht.

Nach dem ersten Weltkrieg entwickelte sich im Ruhrgebiet ein ausgeprägter Antisemitismus, getragen durch ein braunes Proletariat. Auch die Verfolgungen nach 1933 und die Vernichtung der Synagogen im Jahre 1938 verliefen oft besonders grausam. Bis 1945 wurden die meisten jüdischen Bürger verschleppt und getötet, der Besitz der Gemeinden zerstört. Nach 1945 existierten keine jüdischen Gemeinden mehr.

Seit Beginn der 90er Jahre kam es zu einem verstärkten Zuzug von Juden aus den GUS Staaten. Inzwischen bilden sie in manchen Gemeinden 90% der Mitglieder. Das führt zu Problemen, weil die Zuwanderer oft in ihrem bisherigen Leben keine religiöse Unterweisung hatten, und sich mit den religiösen Gebräuchen oft nicht auskennen. Oft sind sie halachisch nicht eindeutig als Juden einzuordnen. Häufig führt das zu Problemen und Streit in den Gemeinden. In manchen Orten spalteten sich die Gemeinden auf, es kam zur Bildung zahlreicher liberaler Gruppen.