Jüdisches Leben in Krudenburg

 

Mitte des 19. Jahrhunderts lassen sich in Krudenburg, einem Ort am rechten Lippeufer, ca 18 km flussaufwärts von der Lippemündung bei Wesel, jüdische Familien nachweisen. Auf einer historischen Karte findet sich das Haus einer Familie Aron Wolf im Dorfkern. Als Bewohner sind die Mitglieder dieser Familie sicher im Jahre 1865 nachweisbar, möglicherweise hat aber die Familie bereits länger in Krudenburg gelebt. Jedenfalls deutet die Anlage eines Friedhofes auf mehrere Familien hin.

Der erste sichere Nachweis über die Anzahl der jüdischen Einwohner des Dorfes findet sich in den Katastern der Bürgermeisterei Schermbeck von 1871: Dort wird Krudenburg als ein „Flecken“ mit 128 ha bezeichnet. „An Köpfen sind dort 6 Juden, 22 Evangelische und 5 Katholische gezählt“. Aber es müssen schon im frühen 18. Jahrhundert jüdische Familien in Krudenburg gelebt haben, denn für das Jahr 1728 wird in Krudenburg ein Isaak Gumprecht erwähnt, 1735 ein Moses Matthias. (Kirchenbücher Ev Kg Drevenack)

Krudenburg hatte damals einen kleinen Hafen und lebte und lebte von der Treidelschifffahrt auf der Lippe. Dabei wurden flache Lastkähne vom Ufer aus mit Pferden oder durch Menschen die Lippe hinauf- oder hinuntergezogen. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts zeugen eine rege Bautätigkeit, ein Postamt, viele Handwerksbetriebe, eine Schule von relativem Wohlstand der Bevölkerung. Mit der Industrialisierung wurden größere Kähne gebraucht. Brücken behinderten ebenso wie ein sinkender Wasserstand die Schifffahrt. Die Bedeutung Krudenburgs ging entsprechend zurück.
In einzelnen Quellen wird berichtet, dass im Obergeschoss des Hauses Aron Wolf jüdischer Gottesdienst abgehalten wurde. Ich habe selbst keine Quellen dazu gefunden. Die Tatsache, dass es in Wesel und im benachbarten Schermbeck große und rege jüdische Gemeinden gab und dass der Weg nach Schermbeck im Volksmund noch immer „Judenweg“ oder „Synagogenweg“ heißt, könnte darauf hindeuten, dass die Juden zur religiösen Gemeinde Schermbeck gehörten und auch dort die Synagoge besuchten.

Interessant ist in diesem Zusammenhang ein Gespräch im Jahre 1980 mit einer damals schon fast 100jährigen, geistig noch sehr regen Frau (Anna Beuger). Sie kann sich selbst an keine Juden in Krudenburg erinnern, wusste jedoch von ihren Eltern, dass im Wolf´schen Haus ein Zimmer für eine Laubhütte reserviert war und dass in diesem Haus eine Schule für jüdische Kinder existierte. Dies wird in mehreren Dokumenten zur Heimatgeschichte auch so gesehen. Ein Heimatforscher hat nach Fotos von 1883 die Ansicht dieses Hauses zeichnerisch rekonstruiert.

Rekonstruktion des Hauses Amerkamp / Aron Wolf von Jürgen D.Haupt

Probleme im Zusammenleben mit den christlichen Nachbarn werden nicht berichtet. 
Die in Krudenburg und in der Umgebung lebenden Juden dürften sich in der Hauptsache vom Viehhandel, vom Geldverleih und vom Geldwechsel ernährt haben. So wird in den Kirchenbüchern der Drevenacker  Gemeinde, zu der Krudenburg gehörte, aus dem Jahre 1723 berichtet, dass sich ein Pächter von der Kirche Geld leihen wollte, um seine Schulden bei einem Juden zu bezahlen.
Jüdische Geldwechsler wurden auch dann gebraucht, wenn das in der Kirche gesammelte Kleingeld aus dem „Armenstock“ gewechselt werden musste. So wechselte 1728 Isaak Gumprecht aus Krudenburg 5100 Deute (das war die kleinste Münze) in 17 Taler um.
Im Jahre 1735 lieh sich Moses Matthias aus Krudenburg 50 Thaler von der evangelischen Kirchengemeinde Drevenack zu 5% Zinsen. Dass Geld bei der evangelischen Kirche geliehen wurde, hatte seine Ursache offensichtlich darin, dass jüdische Geldverleiher damals oft wesentlich höhere Zinssätze hatten, und somit der Kredit bei der Kirche preiswerter war.

Schicksalsjahre

Es gab vom Jahr  1900 an in Hünxe und Krudenburg keine Juden mehr. Obwohl die Nationalsozialisten in ländlichen Gemeinden am Niederrhein oft Hochburgen hatten, blieb es in den Gemeinden Hünxe, Krudenburg und Drevenack verhältnismäßig ruhig.

Man findet in den Archiven lediglich eine Angabe über eine Entschädigung für ein enteignetes Grundstück. Eine gründliche Aufarbeitung der Vergangenheit hat bisher nicht stattgefunden.