Wer anderen eine Grube gräbt

 

von Nathanja Hüttenmeister, Steinheim-Institut, Essen

 

Was hat dies Sprichwort mit Epigraphik zu tun und insbesondere mit einem Projekt, das sich die Dokumentation und Erforschung jüdischer Grabepigraphik in Mitteleuropa zur Aufgabe gestellt hat?
In Rexingen, einem Dorf auf der schwäbischen Alb, findet sich auf dem Grabstein des Josef Sohn des Meir 1837 ein rares hebräisches Lob:

Achtzig Jahre lebte Juspel, und viele hat er begraben, ob reich, ob arm.Nun läßt sich das alte Sprichwort sagen: Wer eine Grube gräbt, fällt selbst hinein.

Wir erfahren also, daß der Verstorbene lange Jahre seiner Gemeinde als Totengräber diente. Die Hervorhebung von Ämtern und Funktionen innerhalb der jüdischen Gemeinde ist - im Gegensatz zur nur seltenen Nennung eines bürgerlichen Berufs - integraler Bestandteil einer hebräischen Grabschrift. Die Toten zu bestatten war eine ehrenvolle Aufgabe, die meist von Mitgliedern der Chewra Kaddischa, der Beerdigungsbruderschaft, ausgeführt wurde.


Die Verwendung des Sprichwortes in diesem Zusammenhang mag uns zwar humorvoll, aber auch etwas makaber anmuten. Die Einflechtung von wörtlichen oder dem Zusammenhang entsprechend abgewandelten Zitaten aus der Traditionsliteratur, insbesondere aus Bibel und Talmud, ist aber eines der wichtigsten Stilmittel einer hebräischen Grabschrift: Man war bestrebt, in die Eulogie, in das Lob der Verstorbenen, Zitate einzuflechten mit Bezug auf Leben und Tun der Person. Häufig geschah dies in Verbindung mit dem Namen; hier wählte man das Amt des Verstorbenen (der bei seinem Alltagsnamen Juspel genannt wird, eine deutsch-jüdische Koseform des biblischen Namens Josef). Das Zitat ist demnach als eine Ehrung zu sehen, als Würdigung seines Anteils am Gemeinwohl und der treuen Pflichterfüllung nicht nur im gesellschaftlichen Sinne: Die Toten zu begraben ist ein wichtiges Gebot, und die Betonung von Josefs Amt ist hier auch als Hervorhebung seines langen, gottgefälligen Lebens zu sehen: Wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein, das heißt in übertragenem Sinne: Wer andern einen Liebesdienst erweist, dem gereicht dies zum Segen. Und noch ein weiteres wird an dieser Inschrift deutlich: ein ungezwungener Umgang mit Sterben und Tod.


Schon dies eine Beispiel mag die Vielschichtigkeit dieser Quellen jüdischen Lebens in Deutschland illustrieren. Grabschriften gestatten, weit über genealogische Angaben hinaus, Einblicke in das "Innenleben" einer Gemeinde, ihre wohltätigen Einrichtungen,ihre religiösen und weltlichen Ämter. Sie sind ein Spiegelbild der sie hervorbringenden Gesellschaft, zeigen Beständigkeit und Wandel im Umgang mit Religion, Kultur und Sprache, verdeutlichen die Spannungen zwischen Traditionalität und wachsender Angleichung an die Umwelt sowie die kulturelle Auseinandersetzung mit ihr.

Die ersten aus den Arbeiten des Projektes hervorgegangenen Einzelveröffentlichungen erschienen 1988. Im gleichen Jahr wurde die Arbeitsgemeinschaft Jüdische Friedhöfe gegründet, deren Mitarbeiter in den letzten Jahrzehnten zahlreiche Dokumentationen mit hohem Anspruch erarbeitet und veröffentlicht haben. Seit 1996 ist die Mehrzahl der Projekte der Arbeitsgemeinschaft im Steinheim-Institut beheimatet. Das Institut verwaltet eine zunehmende Zahl von erstrangigen Drittmittelprojekten wie "Frankfurt a.M." und "Hamburg-Altona". Wir sehen es als unsere Aufgabe, diese vernachlässigten Quellen zusammenzuführen, zu edieren und zu interpretieren und somit zur Bereicherung der langen Kulturgeschichte der Juden, nicht nur in Deutschland, beizutragen. Inzwischen bieten wir mit unserer ständig wachsenden epigraphischen Datenbank epidat eine online zugängliche Dokumentation mit über 150 Friedhöfen und an die 30.000 Datensätzen: hebräische Inschriften, deutsche Übersetzungen, zahlreiche Fotos sowie Werkzeuge zur wissenschaftlichen Arbeit mit dem Material. Unsere Arbeit ist noch durch einen weiteren Aspekt motiviert: Fortschreitende Verwitterung der Steine, verstärkt durch Luftverschmutzung und nicht zuletzt auch antisemitische Zerstörungswut, drohen diese an vielen Orten einzig verbliebenen sichtbaren Zeugnisse jüdischen Lebens zu vernichten. Die Zeit drängt, und oft ist die bildlich-textliche Aufnahme der Male und ihrer Inschriften der einzige Weg, diese Orte und Quellen vor dem Verfall zu retten und dank einer "Zweitüberlieferung" auch der Nachwelt zu erhellen und international leicht zugänglich zu machen."